Erfahrungsbericht
"Wie alles begann – ein Leben mit Diabetes"

Zur Person:
Name: Reinhard Nowak
Alter: 11 ½ Jahre (20.09.1993)
Wohnort: Wien 22
Schule: 1. Klasse Gymnasium
Hobbys: Fußball, Rad fahren, Schi fahren, Snowboard fahren, Schwimmen, Playstation
Lieblingssänger: Eminem, Avril Lavigne
Lieblingsgruppe: Rammstein, D12, Linkin Park, Metallica
Lieblingsfilm: 8 Mile
Lieblingsessen: Pizza
Typ I Diabetiker seit September 2001
November 2004: Umstellung auf Basis-Bolus-Therapie
Ich führe ein ganz normales Leben – so wie andere Kinder auch!!!
Reinhard war immer schon ein bewegungsfreudiges Kind, er konnte nie ruhig sitzen. Je älter er wurde umso wichtiger wurde für ihn die Bewegung – und der Sport.
Dadurch merkten wir lange nicht, dass er bereits Diabetiker war! Der Sport half ihm, den Blutzucker auszugleichen, d.h., er hatte keine so genannten „Ausschweifungen nach oben“ – der Blutzucker war anfangs noch ziemlich normal reguliert. Er war auch nie wirklich müde oder erschöpft oder blass (Merkmale, die für Diabetes typisch sind; aber warum hätte uns das in diese Richtung auffallen sollen? Es gibt in unserer Familie keinen einzigen Typ I Diabetiker und damals hatten wir noch die naive Vorstellung von dicken, sich ungesund ernährenden Kindern – eben Typ II Diabetikern, den anderen Typ kannten wir ehrlich gesagt gar nicht!).
Er war immer groß und sehr schlank und obwohl er auch relativ „brav“ aß, nahm er nicht wirklich an Gewicht zu. Aber das taten auch seine Freunde nicht, die sind auch heute noch genauso groß und sehr schlank wie er. Also nahmen wir das auch nicht als Grund zur Besorgnis.
Warum sollten wir auch besorgt sein? Na gut, er war in letzter Zeit vor besagtem September 2001 mehr verkühlt als sonst, hatte öfters Darminfektionen, aber viele Kinder in seiner Schule hatten das. Nur wir waren „verwöhnt“, denn bis zu diesem Zeitpunkt war Reinhard nie krank (außer einmal hatte er die Feuchtplattern). Er trank auch „normale“ Mengen, roch nie nach Aceton; das einzige was uns auffiel war, dass er öfters aufs WC musste als sonst. Daher beschlossen wir am 12. September 2001 zum Kinderarzt zu gehen, weil wir an eine Blasenentzündung dachten. Dieser Tag wurde unser persönlicher 11. September!!!
Reinhard wurde komplett untersucht, musste auch eine Harnprobe abgeben, und als nach einigen Minuten die Schwester mit dem Ergebnis und mit ernster Miene wieder in den Behandlungsraum kam – war es wahrscheinlich die Intuition einer Mutter – und ich frage sie direkt, ob Reinhard zuckerkrank sei.
Wir mussten sofort von der Ordination ins Spital fahren, durften nicht einmal mehr von zu Hause ein paar Dinge holen. Warum wusste ich dann bei der Erstuntersuchung im Spital – 573mg Blutzucker (wenn man doch weiß, dass der Höchstwert bei 110 mg liegen sollte!). Und dann ging es Schlag auf Schlag:
Ich wurde gemeinsam mit meinem Sohn im Spital aufgenommen (wo wir dann 3 ½ Wochen blieben). Die erste Nacht wurde er noch an die Infusion angehängt, ab dem nächsten Tag wurde ihm bereits Insulin gespritzt, weil sein Körper sehr rasch auf die Therapie reagierte. Sein Papa war der Erste, der ihm Insulin spritzte, dann war ich an der Reihe und nach einigen Tagen spritzte Reinhard schon selbst das Insulin.
Die Tage im Spital vergingen wie im Flug – BE-Berechnungen, Ernährungsberatung mit der Diätassistentin, BE schätzen lernen, Reaktion auf Sport (Reinhard trainierte am Laufband, ging mit mir Joggen, Scooter fahren, …..). 2 Wochen später spritzte Reinhard das Insulin bereits mit dem Pen, da wir uns nach dem ersten Schock ziemlich schnell mit der Situation abgefunden hatten und Reinhard mit seinen 8 Jahren schon sehr selbständig war.
Nach 3 ½ Wochen Obhut im Spital waren wir dann ab 5. Oktober 2001 das erste Mal auf uns alleine gestellt – es war der Tag nach der Entlassung!
Wir versuchten alles so gut und genau wie möglich zu machen – die Essenszeiten wurden genau eingehalten, die ganze Familie richtete sich ab jetzt mit den Mahlzeiten nach Reinhard. Alle Speisen wurden genau abgewogen, die Berechnungen der Broteinheiten für jede Mahlzeit wurde strikt eingehalten - eigentlich wurde der ganze Tagesplan auf Reinhard abgestimmt (betreffend Sport, Essen, etc.)!
Ab 8. Oktober 2001 begann die Bewährungsprobe für uns alle. Reinhard ging wieder zur Schule (2. Klasse Volksschule).
Vorab bereitete ich sowohl für die Klassenlehrerin als auch die Nachmittagsbetreuerin einen Zettel vor, der genau aufzeigte, was Reinhard wann essen darf, was im Falle einer Unterzuckerung zu tun ist und was vor dem Turnunterricht bzw. sonstigen sportlichen Aktivitäten zu beachten ist. Außerdem gab ich ihnen ein Päckchen Saft und Traubenzucker für alle Fälle.
Ich ließ mich 1 Monat beurlauben, damit ich mit ihm in die Schule gehen konnte, wenn er Sport hatte oder sonst irgendwelche Fragen oder Probleme auftraten. Er bekam ein Handy von uns und hatte auch von der Schule die Erlaubnis, uns jederzeit anzurufen. Es war ja für alle eine Umstellung, denn Reinhard war auch das einzige diabetische Kind an seiner Schule! Aber es lief wirklich alles hervorragend, es gab keine Probleme, und ab November 2001 war Reinhard in der Schule alleine auf sich gestellt, da ich ja wieder arbeiten ging.
Jedes 3. Monat mussten wir zur Kontrolle zur Diabetesambulanz ins Spital, wo wir auch von einer hervorragenden Ärztin bestens betreut wurden. Der HbA1c-Wert war immer zwischen 7 und 8 %, was uns natürlich besonders freute.
Mai 2003 fuhr Reinhard mit seiner Volksschulklasse 4 Tage in die Steiermark, auch dort gab es keine Probleme, obwohl er ja damals doch erst 9 ½ Jahre war. Das einzige, worauf er acht geben musste war, dass er abends kein Actrapid (Kurzzeitinsulin) spritzen durfte, da bei diesen Projekttagen viel Sport betrieben wurde, und er dadurch praktisch nie Werte über 150 mg hatte.
Natürlich gab es auch bei ihm anfangs ein paar starke Blutzucker-Schwankungen, die sich aber immer erklären ließen:
Wenn der Blutzucker zu hoch war, hatte er zuviel gegessen (meistens aber genascht) und er durfte ja tagsüber mit der herkömmlichen Therapie nicht korrigieren.
Bei Unterzuckerung hatte er oft vor dem Sport vergessen zu messen und aß daher auch keine Sport-BE, oder aber er hatte überhaupt keine Zwischenmahlzeiten zu sich genommen, weil er keine Zeit hatte. Öfters passierte es leider auch, dass er vor dem Messen nicht die Hände gewaschen hat, und der vermeintlich hohe Blutzucker korrigiert wurde. Nach einer halben bis dreiviertel Stunde hatte er dann wieder eine Unterzuckerung. Diese Schwankungen gaben ihm schon zu denken, vor allem, weil er sich dabei ja nicht wohl fühlte.
Jetzt passieren diese Schwankungen halt auch noch ab und zu, aber deswegen weil Reinhard ja durch die Basis-Bolus-Therapie zu jeder Mahlzeit Insulin spritzt, und manchmal die Schätzungen der Mahlzeiten ganz einfach nicht passen (vor allem in Restaurants und im Urlaub).
Zum Ende der 4. Volksschulklasse bzw. vor allem zu Beginn der 1. Klasse Gymnasium (2004) kam Reinhard mit der herkömmlichen Methode nicht mehr klar, d.h., seine BEs waren ihm schon viel zu wenig. Er aß was er wollte und vor allem wann er wollte! Jeder – auch wer nicht unmittelbar von Diabetes betroffen ist – kann sich sicherlich vorstellen, welche Blutzuckerwerte er hatte. 3 Mal passierte es, dass das Blutzuckermessgerät „HI“ anzeigte, d.h., das waren Werte, die nicht mehr messbar waren (ab 600 mg). Zu dieser Zeit hatte er auch den schlechtesten HbA1c-Wert: 8,5 %.
Obwohl Reinhard noch sehr jung war – wie gesagt, knapp über 11 Jahre, fassten wir den Entschluss, ihn auf die Basis-Bolus-Therapie umstellen zu lassen. Wir fragten natürlich seine zuständige Ärztin. Sie gab kurz zu bedenken, dass er noch sehr jung ist, und dass er schon genau wissen muss, was er isst, damit die richtige Menge korrigiert werden kann.
Anfang November 2004 hatte Reinhard Herbstferien! Zu dieser Zeit nahmen wir die Umstellung vor: wir waren genau 4 Tage im Spital (normalerweise dauert diese 2 Wochen). Er spritzt jetzt morgens und abends seine Einheiten Insulatard und zu den Mahlzeiten bzw. als Korrektur NovoRapid.
Zuhause bereitet Reinhard mit meiner Hilfe seine „kalten“ Mahlzeiten zu und lernt so die Insulinmengen zu berechnen. Für die Schule bereite ich ihm in der Früh eine Jausenbox für den ganzen Tag vor. Ich berechne die BEs der Mahlzeiten, packe seine „Leckerbissen“ in Alufolie und schreibe mit Filzstift die BEs darauf. Reinhard braucht dann in der Schule nur mehr die Menge der BEs zusammenzählen, die er gegessen hat und – falls notwendig – die Korrekturmenge dazurechnen und somit die Gesamtmenge NovoRapid spritzen.
Es passiert auch jetzt noch manchmal, dass die Werte sehr hoch sind, weil er wieder zu viel gegessen hat bzw. keine Zeit oder vergessen hatte zu spritzen. Wenn er dann von der Schule heimkommt, spritzt er dann sofort sein NovoRapid zur Korrektur. Der Vorteil der Basis-Bolus-Therapie ist auf jeden Fall, dass die Korrektur sehr schnell vorgenommen werden kann und der Blutzuckerwert innerhalb von 2 Stunden wieder „normal“ ist.
Der Erfolg gab uns Recht, dass wir ihn so zeitig umstellen ließen: Ende Jänner (also nach 3 Monaten) waren wir wieder zur Kontrolle, der HbA1c-Wert war 6,9 % !
Trotz Reinhard’s Diabetes versuchen wir eine ganz normale Familie zu sein – dank der Basis-Bolus-Therapie gelingt uns das fast auch
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